| – WENN DAS FRAU STEIFF GEWUSST HÄTTE – Robert Schalinski (COLUMN ONE) und Ditterich von Euler-Donnersperg (u.a. WALTER ULBRICHT SCHALLFOLIEN) am 14.4.2005 im Djäzz, Duisburg |
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Dieser Abend wird mir als das skurrilste Ereignis dieses Jahres in Erinnerung bleiben, da bin ich mir sicher. Erwartet hatte ich nichts Konkretes, da ich beide Künstler live noch nicht erlebt hatte. Erwartet hatte ich aber definitiv mehr Gäste. Gerade einmal 15-20 Personen (inklusive Künstler und Personal) befanden sich im Djäzz, einem gemütlichen, relativ neu eröffneten Club in der Stadtmitte Duisburgs. Auch, wenn es unter der Woche war, hatte ich doch einen wesentlich höheren Publikumsanteil erwartet, da weder COLUMN ONE (respektive in diesem Falle nur ein Teil von COLUMN ONE, Robert Schalinski, mit eigenem multimedialem Programm) noch Ditterich von Euler-Donnersperg in Kreisen von Industrial- und Experimentalkunstliebhabern unbeschriebene Blätter sind. Wie auch immer, wir nutzten die Publikumsarmut, indem wir uns einen Tisch vor der Bühne sicherten und die Getränkekarte des Djäzz näher zu Rate zogen. Schon als wir hereingekommen waren, waren uns zwei Hausfrauen mittleren Alters aufgefallen, die hinter uns mit den Worten eintraten „Was gibt es hier heute zu sehen? Eine Lesung?! Wie teuer ist das denn? Ach, 5 Euro, komm, Hildegard, ich lad Dich ein!“ – na ja, nicht weiter verwunderlich, immerhin war in der Stadtmitte gerade ein Kunst- und Handwerkermarkt, der allerlei wunderliches Konsumenten-Publikum anzog. Zurück zum Thema - Robert Schalinski begann seinen Auftritt, indem er eine schwarz-weiße Stummfilmkollage auf die Leinwand zauberte, der von einem krachigen Hörspiel begleitet wurde. Die Augen der beiden Hausfrauen (die mittlerweile am Tisch neben uns Platz genommen hatten) wurden immer größer, die Kiefer klappten herunter und die Freundin von Hildegard eilte nach vorne, beugte sich zu Herrn Schalinski herunter, der an seinem Pult herumfrickelte und brüllte „Das ist viel zu laut! Das überschlägt sich schon!“ Herr Schalinski blieb ernst (im Gegensatz zu uns, die wir feixten und prusteten) und entgegnete der aufgebrachten Dame so etwas wie „Das soll so sein.“ Und so verließen zwei entrüstete Damen mit wehenden grauen Dauerwellenlocken fluchtartig das Djäzz. Schade, denn jetzt ging der eigentliche „Krach“, über den sie sich schon bei dem wirklich harmlosem Hörspiel beschwert hatten (in dem es übrigens u. a. um einen Löwen, den Mond und die Schönheit der Nacht ging - wenn ich mich recht entsinne, hieß dieser erste Teil des Auftritts „Nachtreich“. Die Filmcollage zeigte dabei flüchtende Menschen in der Wüste und anderes Obskures) eigentlich erst richtig los. Dabei hätte ich gern ihre Gesichter gesehen! Denn Herr Schalinski enthüllte einen riesengroßen weißen Steiff-Tiger („Look at Rrrroy!“ ;-)), den er zu einem multifunktionalen Musikinstrument umkonstruiert hatte. Der Tiger atmete förmlich, weil er in Art eines Dudelsackes aufgepustet wurde; aus den pfeifenartigen Metallgebilden aus seinem Kopf entströmten Töne; die Drahtbürste an seinem Schwanz ergab zusammen mit der Metallplatte, auf der sie hin- und hergerieben wurde, fieses hochfrequentes Quietschen und auch mannigfaltige andere Geräusche aus dem zum Leben erweckten Plüschmonster erfreuten das Publikum. Durch die Videokamera, die auf das Pult und den Tiger gerichtet war und deren Bild auf der Leinwand dahinter übertragen wurde, ergab sich ein witziger visueller Effekt und man gewöhnte sich schnell an das ungewohnte Musikinstrument. Ich möchte sogar behaupten, wir gewannen den Tiger lieb und überlegten, eine Futter-Patenschaft zu übernehmen. Ein kleines unfreiwilliges Highlight ergab sich währenddessen, als mein Freund während der Tigermusik-Kunst-Performance seinen großen Cappuccino mit einer unbedachten Bewegung über den gesamten Tisch verteilte und wir so zu einer kleinen beiläufigen Putz-Performance gezwungen wurden, doch das hinderte uns nicht daran, auch an dem Film „Die sibirische Zelle“ (dies jedoch schien keine paramilitärisch-revolutionäre Splittergruppe zu sein, sondern ein Klo, das gründlich geputzt wurde), der auf die Tigermusik folgte, unsere Freude zu haben. Nur unser Tischnachbar konnte seine nun sehr nassen Zigarillos nicht mehr rauchen...Nachdem Robert Schalinski mit seinem Programm fertig war, begab sich Herr von Euler-Donnersperg, den ich bis dato für eine rein mythologische Figur gehalten hatte, hinter das Pult. Er las zwei Gedichte und zwei Texte vor und unterbrach die Lesung mit wunderbarer atonaler Musik und zwei Kommunistische Einheitspartei Deutschlands-(KED)Propaganda-Filmen, die ich unter dem Begriff „schwer verdauliche Humoristik“ zusammenfassen möchte und die ich wirklich klasse fand. Leider versagte die Technik während des elektronischen Musizierens, aber glücklicherweise war Herr von Euler-Donnersperg bereit, noch ein wenig aus seinen kulturpessimistisch-misanthropisch-zynischen Texten zu lesen. Besonders beeindruckten mich dabei sein tranceartige Zustände hervorrufender einlullender Lesestil sowie seine Wortkreationen, die zynisch auf den Punkt brachten, was an der tierisch menschlichen Gesellschaft, der Zivilisation und der Menschheit auszusetzen ist. Ich erinnerte mich an das hervorragende Interview mit dem Inhaber der WALTER ULBRICHT-SCHALLFOLIEN im letzten Zinnober und daran, dass dort davon die Rede war, das in Bälde das achte Heft der „Pelzwurstlieder“ mit Namen „Listspinne“ erscheinen sollte und nahm mir vor, es auf jeden Fall zu lesen, denn die Abhandlungen über das „digitale Mittelalter“ mit seinen „Klingeltalern“, um die sich alles dreht; in der man „ohne die Hilfe des Todes sterben“ muss, gefielen mir wirklich und ich fand es abermals schade, dass der Genius dieses Mannes nicht mit mehr Publikum belohnt wurde. Ich kann nur jedem, der nicht da war und der sich der nüchternen Erkenntnis, dass das Dasein letztlich sinnlos ist, stellen will, empfehlen, sich die Werke des sympathischen Schrägeckenbrillenträgers mit dem Comic-Salamander auf dem T-Shirt und dem stechenden Blick anzuhören oder zumindest zu lesen. Abschließend sei bemerkt, dass ich dem „literarischen Duett terrible“ alles Gute und verdienterweise mehr Publikum zu seinen Auftritten wünsche. [ Frauke Stöber - this review was released in Black # 40, Summer2005 - www.blackmagazin.com] |
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